Jagdlexikon

Kleines Phöbener Jagdbrevier 2010

In diesem Jahr fand in Phöben wieder die traditionelle Fuchsjagd zu Pferde statt. Diese Form der Jagd wird ohne Hundemeute geritten (siehe auch Neues aus Phöben, 10/2010). Ein paar Erklärungen zu den Regeln der Fuchsjagd sind in unserem diesjährigen Jagdbrevier notiert. Die Regeln bei einer Schleppjagd (zu Pferde, einer Hundemeute folgend) unterscheiden sich in mehreren Punkten. Diese werden wir im Jagdbrevier zur nächsten Phöbener Schleppjagd erklären.

 Die Jagdchargen

Eine Jagd will wohl organisiert und geleitet sein. Klassicherweise gibt es verschiedene Funktionen (die man je nach Feldgröße und speziellen Anforderungen variieren kann)

 

  • Jagdherr / Fieldmaster
  • Fuchs (darf reiten wie er will, muss keinen festen Regeln folgen, darf aber keinen anderen dabei gefährden – was prompt zu einer Strafe des diesjährigen Fuchses beim Jagdgericht führte wegen partiell wildwestmäßigem Reitverhaltens).
  • Stellvertretender Jagdherr / Assistant-Fieldmaster
  • Feldpiköre (Anführer der Reitfelder und Petzen fürs Jagdgericht)
  • Schlusspiköre (Lumpensammler für gestrandete Reiter und Petzen fürs Jagdgericht)
  • Zuschauerführung: Flagge (gelb) – ist in Phöben nicht nötig, die wissen selbst, wo die Getränke auf dem Kremser versteckt sind!
  • Verkehrssicherungskräfte: Flagge (rot)
  • Arzt/Tierarzt – reitet in Phöben immer mit, um ganz schnell helfen zu können.
  • Tierarztbegleitfahrzeug mit Hänger

Praktischerweise reitet unsere Tierärztin Marlis immer mit. Und ist trotz spezieller Kickstart-Akrobatik ihrer Stute stets einsatzbereit. Zu erwähnen sei auch die besondere Aufgabe der Schlusspiköre, die nicht nur auf Einhaltung der Jagdregeln (Feldordnung und Sicherheit) achten, sondern auch jeden Verstoß ‚protokollieren’. Im anschließenden Jagdgericht wird dann alles zusammengetragen.

Die Kleiderordnung im Feld

Der Jagdreiter trägt einen Jagdrock oder stilgerechten Reitanzug mit entsprechender Sicherheitskappe:

new-2

  • Roter Reitfrack mit verschieden-farbigem Kragen (jeweilige Vereinsfarben) und Zylinder (Top Hat), Plastron, weiße, griffsichere Handschuhe, weiße bis gelbe Reithose, Jagdstiefel mit champagnerfarbenen Stulpen,
  • Roter Rock oder andere Farben mit schwarzem Kragen und Kappe, sonst wie vor und schwarze Jagdstiefel mit braunen Stulpen,
  • Tweed mit Bowler

Den roten Rock darf nur tragen, wer an vielen (mindestens 50) Jagden mitgeritten ist. Die Verleihung erfolgt vom Jagdmaster in Abstimmung mit dem Jagdherrn. In unserem Falle haben den roten Rock verliehen bekommen: Micha, Helmut, Falk und Marlis.

Grundsätzlich reiten die Damen im stilgerechten Reitanzug oder im dunklen Jagdrock. Das ist weit von jedweder Gleichberechtigung entfernt. Phöben hat auch da die Nase vorn. Dank unseres „Gleichstellungsbeauftragten“ Micha wurde der rote Rock auch an eine Frau verliehen nämlich an unsere Tierärztin Marlis..

Die Anforderungen an Pferd und Ausrüstung

Das Pferd muss gesund, in einem guten Futterzustand und den besonderen Anforderungen entsprechend gut trainiert und konditionsstark sein. Und natürlich gut aussehen – einflechten ist optional. Der Hufbeschlag ist auf das Geläuf abzustimmen. Für das Brandenburger Sandbüchsengelände sind Stollen nicht unbedingt notwendig, aber bei feuchtem Gras gilt es, unbeschadet die Wendung zu schaffen. Pferde, die gelegentlich ausschlagen, haben im Schweif eine rote Schleife zu tragen. Das Lederzeug (Sattel mit Zubehör, Trense, Martingal) sollte in einem gepflegten Zustand sein. Für alle Eventualitäten sollte man Ersatz (Steigbügelriemen, Zügel etc.) dabei haben oder über Improvisationskunst verfügen.

Begrüßung und Hinweise

new-1Während der Ansprachen stellen sich die Jagdreiter mit ihren Pferden kreisförmig in Richtung Redner auf, die Herren bitte mit gezogener Jagdkappe. Der Jagdherr begrüßt zunächst die Jagdgesellschaft und Zuschauer. Er dankt den Gastgebern, Landwirten, Grundeigentümern und Helfern, die es ihm ermöglicht haben, die Jagd ausrichten zu können. Er gibt Hinweise zu Geläuf, Anzahl und Länge der Lines und Schwierigkeitsgrad der Hindernisse. Es wird auf die Beachtung und Einhaltung der Jagd- und Reitregeln verwiesen.

Die Reiter werden in zwei Felder eingeteilt: Springerfeld und Nicht/Kann-Springerfeld: Das erste Feld geht über die Jagdstrecke mit Hindernissen, die gesprungen werden müssen. Das Jagdfeld soll für den Betrachter einen ruhigen und ausgeglichenen Eindruck machen. D.h. der Jagdreiter soll seine gewählte Position im Feld halten (!) und „Strich“ reiten bzw. seine Position nur in Abstimmung mit den begleitenden Jagdreitern verändern. Vor Hindernissen niemals überholen, kreuzen oder ein zweites Mal anreiten! Wenn ein Pferd verweigert, ist das Hindernis unverzüglich freizumachen. Kommt es doch zu einer unbeabsichtigten Behinderung, gehört es sich – spätestens am nächsten Stopp – sich bei dem betroffenen Reiter zu entschuldigen. Stürzen Reiter, haben die eingeteilten Piköre im Bedarfsfall Hilfe zu organisieren.

Zum Fuchsschwanzgreifen sind normalerweise die Reiter aus dem Springerfeld berechtigt. Auch hier die Phöbener Sondervariante: alle Reiter, die möchten, können mitmachen.

Die Jagdstrecke ist grundsätzlich mit den Grundeigentümern abgestimmt und nur für den Jagdtag freigegeben. Häufig verläuft die Jagdstrecke in Nähe von Kulturflächen und bestellter Felder. Es wird um ständige Vorsicht und Rücksichtnahme auf fremden Grund und Boden gebeten. Auch Fuß-, Rad und Wanderwege sind zu meiden.

Jagdgericht

Ein alter Brauch ist die Einberufung eines Jagdgerichtes. Haben sich Jagdteilnehmer kleinere Verstöße gegen das Brauchtum und die Sicherheit zuschulden kommen lassen, so haben sich diese vor dem Jagdgericht zu verantworten.

Die Jagdrichter sind in Phöben immer Micha als Jagdherr und seine Piköre (volkstümlich auch „Petzen“ genannt), die die jagdlichen Verstöße in humorvoll erzieherischer Form rügen. Es ist Sache der Richter, durch Humor und Witz die Sitzung zu einem heiteren Erlebnis für alle zu gestalten. Als Strafen kommen Geldspenden, Verwarnungen oder Auflagen in Betracht.

In den Jagdgerichten liegt eine gute erzieherische Chance für alle, die meinen, Brauchtum und gutes Benehmen, tadelloses Auftreten und Verhalten wären heute nicht mehr nötig. Das Jagdgericht ist, wenn es angemessen und gekonnt abgehalten wird, ungemein unterhaltend. Wir haben in unserem Phöbener Stall die Erfahrung gemacht, dass das Jagdgericht die Sicherheit und die Disziplin erhöht und das Brauchtum wieder besser gepflegt wird.

new-5In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass vor allem jagdrechtlich gravierendes Fehlverhalten nicht vor dem Jagdgericht verhandelt werden soll. Hier ist es Sache des Jagdherren bzw. des Jagdleiters gegebenenfalls noch während der Jagd den Reiter von der Jagd auszuschließen oder ein ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Die Verstöße gegen die allgemeine Ordnung vergisst man schnell. Das ist noch im Rausch des Abends erledigt. Bleibende Erinnerungen sind die Episoden, die das Leben schreibt:

 

  1. Der Sturz vom Pferd beim Sektstopp wegen immenser Abneigung der Stute gegen den weißen Pappbecher
  2. Das Zerstören ganzer Hindernisse durch mutwilliges Zertrampeln
  3. Das Aufsitzen nach dem Stopp bevor der Befehl dazu erfolgte
  4. Das unerlaubte Verlassen des Pferdes, das dann an der nächsten Kneipe wartend wieder abgeholt werden kann
  5. Aufrollen des Feldes von hinten mit lautem Kommando „weg da, weg da!“
  6. Simulieren von Indianerangriffen
  7. Umsortierung der Pferdeausrüstung und deren Handhabung (z.B. Zügel werden hinter dem Körper zusammengeführt)
  8. Alle fadenscheinigen Versuche, das Pferd zu beschuldigen („Er hat eine Kürbisallergie“)

Wem die Strafen zu hoch erscheinen, der kann sich durch das Erzählen von Witzen oder sportliche Übungen Strafmilderung verschaffen. Man kann auch die Strafen zur Bewährung aussetzen, was allerdings in Phöben noch nie gewährt wurde.

Es ist auch schon vorgekommen, dass selbst Reiter, die keinen Fehler machten, genau aus diesem Grund vor dem Jagdgericht gelandet sind. Dann unterstellt der Jagdherr in (hoffentlich) humorvoller Weise Verstöße und kassiert so indirekt das Standgeld bzw. verhängt Strafen wie Armdrücken, Kniebeugen, Tanzeinlagen und Ähnliches. Das Standgeld dient u.a. dazu, die heimlichen Helfer, in unserem Fall die emsigen Stallpfleger, ein wenig zu unterstützen